VW Golf 8: Übers Ziel hinaus geschossen

Beim VW Golf stellt sich bei jeder neuen Generation die Frage: Wie entwickelt man die Ikone weiter? Beim Kompaktwagen, der seit jeher ein Allrounder ist und eine breite Zielgruppe anspricht, ist es noch schwieriger. Während es sich beim Design und fahrdynamisch um eine leichte Weiterentwicklung handelt, hat man sich in Wolfsburg puncto Cockpit komplett der Digitalisierung verschrieben. Ob das funktioniert und ob der Golf immer noch ein Allrounder ohne wesentliche Schwächen ist, das klärt dieser Test.

Dass das Design niemanden überrascht, ist klar. Der Golf bleibt sich treu und wurde im Detail weiterentwickelt. Die Silhouette und die Seitenansicht sind praktisch identisch mit dem Vorgänger. Stossstangen und Lichter wirken moderner, die Blinker sind optional alle animiert. Die R-Line, beim Testwagen nicht konfiguriert, ist nach wie vor für eine sportlichere Optik sowie Sportsitze und Sportfahrwerk erhältlich. Mehr gibt es beim Aussendesign nicht zu sagen.

2020 VW Golf 8
Keine Experimente, saubere Linien, breite C-Säule: das ist der Golf.

Zu digital

Ganz anders verhält es sich beim Cockpit. VW verzichtet weitgehend auf physische Knöpfe, sodass die gesamte Bedienung über den Touchscreen, Sensortasten sowie eine nachts unbeleuchtete (!) Sensorleiste erfolgt. Das bringt gleich mehrere Nachteile mit sich. Die erwähnte Sensorleiste für Klima und Lautstärke ist im dunkeln schwierig zu bedienen. Zudem sind die Sensortasten so angeordnet, dass man leicht versehentlich dran kommt, während man den Touchscreen bedient – ärgerlich!

2020 VW Golf 8
Die Sensorleiste ist so platziert, dass man versehentlich schnell rankommt. Zudem ist sie unbeleuchtet. Zwei Fails in einem.

Des Weiteren ist die Klimabedienung per Touchscreen generell viel umständlicher und unsicherer als über konventionelle Knöpfe. Zu guter Letzt ist das Navi-System im Test einmal ausgefallen. Dass der Touchscreen an sich gestochen scharf ist, das System schnell reagiert und die Sprachsteuerung vorbildlich ist, rettet das Ganze auch nicht mehr. Meiner Meinung nach wurde hier das Design kompromisslos vor die Usability gestellt.

2020 VW Golf 8
Klar wirkt das aufgeräumte Cockpit schick, aber ein Auto fährt nunmal, also muss es sicher zu bedienen sein. Das ist hier nicht mehr der Fall.

Hochwertig und bequem

Immerhin kann der Golf bei den üblicheren Kriterien punkten. So ist er durchwegs hochwertig vermacht und Stoffverkleidungen an den Türen werten das Interieur ebenfalls auf – kein Vergleich zur Plastikwüste im T-Roc. Die Sitze sind sehr bequem und optional als AGR-Sitze erhältlich (Aktion gesunder Rücken). Im Fond und im Kofferraum bietet der Golf durchschnittliche Platzverhältnisse, aber wer mehr braucht, weicht zum Variant aus.

2020 VW Golf 8
Haptisch ist der Golf dafür ganz der Alte, hier kann er überzeugen.

Auffällig ist nur die Farbe

Fahrerisch ist sich der Golf wie beim Design treu geblieben. Er ist in keiner Kategorie überragend, überragend macht ihn dafür die sehr gute Ausgewogenheit. Das Doppelkupplunggetriebe sortiert unauffällig die Gänge und mit dem neuen Mild-Hybrid-Antrieb (eTSI) leistet sich das Auto keine Anfahrschwäche mehr. Darüber hinaus ist er tatsächlich sparsam. Im anspruchsvollen Wintertest begnügte sich der Golf mit 6,3 l/100 km, wobei tendenziell auch weniger möglich ist.

2020 VW Golf 8
Am Design hat sich wirklich nicht viel getan.

Ansonsten: alles unauffällig, aber alles gut. Der Golf fährt leise, federt komfortabel, lässt sich aber auch sportlich einen Berg hochfahren, ohne dass das ESP sekundenlang irgendwelche Kräfte jonglieren muss. Der Basis-Golf weckt jetzt nicht unbedingt die grosse Fahrfreude, aber unterschwellig merkt man, das Potenzial ist da, muss es auch, schliesslich sind GTI und R seit jeher ebenfalls grosse Anwärter in ihrem Segment.

2020 VW Golf 8
Kleines Detail: Volkswagen-Schriftzug an der Türe.

Kein Geheimtipp

Glücklicherweise zeigen sich die vielen erhältlichen Assistenzsysteme im Test deutlich weniger störrisch als das Bediensystem. Der Notbremsassistent dürfte etwas weniger sensibel mit Pieps-Warnungen auf sich aufmerksam machen, aber Fehlbremsungen kamen nie vor. Der Spurhalteassistent ist zwar nach jedem Motorstart wieder aktiv, aber wenigstens ist er bequem via Lenkrad deaktivierbar. Ansonsten: Perfekter Stau-Assistent, super funktionierender Abstandstempomat mit adaptiver Regelung, einwandfreies Matrix-Licht. So soll es sein.

2020 VW Golf 8
Der Golf trägt zudem das neue VW-Logo.

Die vielfältigen Technik-Features lassen es bereits vermuten: Ein Budget-Modell ist der Golf nicht. Der Einstiegspreis ist zwar lächerlich tief, doch lächerlich ist dann auch die gebotene Ausstattung. Der Testwagen mit guter, aber bei weitem nicht kompletter Ausstattung ist mit 44’880 Franken angeschrieben. Das ist nicht wenig, aber meiner Meinung nach wäre er sein Geld wert – wenn da nicht das Cockpit wäre, welches das Bild so sehr trübt.

2020 VW Golf 8
Seine Stärke war und ist seine Ausgewogenheit. Beim Cockpit ist er aber zu verspielt.

Alltag 4 out of 5 stars

Mit seiner ausgewogenen Art meistert der Golf den Alltag aus fahrerischer Sicht bravourös. Zudem ist er handlich und übersichtlich. Im Fond ist er allerdings kein Platzwunder und die Bedienung mittels Touchscreen und Sensortasten lenkt stark ab.

Fahrdynamik 3.5 out of 5 stars

Ein Kurvenräuber ist der Golf zwar nicht, doch er lässt sich von sportlichen Ausflügen auch nicht zu schnell in die Knie zwingen.

Umwelt 4 out of 5 stars

Dank Zylinderabschaltung und Mild-Hybridisierung sind im Alltag tiefe Verbräuche möglich. Der Testschnitt betrug 6,3 l/100 km.

Ausstrahlung 3.5 out of 5 stars

Niemand kauft sich einen Golf um aufzufallen. Gleichwohl bietet er ein stimmiges Design, das nirgendwo aneckt.

Fazit 4 out of 5 stars

+ Zeitloses Design
+ Sehr bequeme Sitze
+ Schöne und vielfältig konfigurierbare Ambientebeleuchtung
+ Hochwertige Verarbeitung
+ Online-Anbindung und fortschrittliche Sprachsteuerung
+ Ausgewogenes Setup
+ Unauffälliges, präzises Getriebe
+ Leises Fahrverhalten
+ Grosse Auswahl an zuverlässigen Assistenzsystemen
+ Ausgezeichnetes Matrix-Licht
+ Recht tiefes Leergewicht

– Spurhalte-Assistent nach jedem Motorstart erneut aktiv
– Fragwürdiges Bedienkonzept, lenkt zu stark ab, Navi funktioniert nicht zuverlässig, Sensorleisten unbeleuchtet
– Ziemlich hoher Preis
– Eher knappe Beinfreiheit im Fond

Mängel am Testwagen

– Navigationssystem liess sich nicht immer zuverlässig bedienen

Steckbrief

Marke / ModellVW Golf eTSI
Preis Basismodell / Motorisierung / Testwagen21 600 CHF / 39 660 CHF / 44 880 CHF
AntriebBenzin Mild-Hybrid / Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1498 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe7-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Max. Leistung110 kW bei 5000 - 6000 r/min
Max. Drehmoment250 Nm bei 1500 - 3500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h8,5 s
Vmax224 km/h
WLTP-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz6,0 l/100 km / 137 g/km / A
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz6,3 l/100 km / 144g/km / +5%
Länge / Breite / Höhe4,40 m / 1,79 m / 1,48 m
Leergewicht1426 kg
Koffer­raum­volumen381 - 1237 l

Bilder: Koray Adigüzel

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